Reste der fast vergessenen Boeing 737 „Landshut“ nach Deutschland gebracht


24 Sep 2017 [01:21h]     Bookmark and Share


Reste der fast vergessenen Boeing 737 „Landshut“ nach Deutschland gebracht

Das Team der Lufthansa Technik. Zerlegung der Landshut. Fortaleza, den 13.09.2017


Die ehemalige Lufthansa-Maschine „Landshut“, die in der unruhigen Zeit des „Deutschen Herbst“ 1977 von Terroristen entführt wurde, ist nach Deutschland zurückgeholt worden. Das Flugzeug mit der damaligen Flugzeug-Registration D-ABCE, wurde auf einem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt gekidnapped und war nach seiner Befreiung durch eine Spezialeinheit in Somalia noch bis 1985 für die Lufthansa im Einsatz. Nach dem Lininedienst hat der City Jet Boeing 737-200 mehrfach den Eigentümer gewechselt und war zuletzt auf einem Flugzeugfriedhof im brasilianischen Fortaleza „gelandet“, wo er seitdem verrottete. Erst danach kamen Nostalgiker auf die Idee, das Flugzeug zum Museumsstück zu machen.

 

 

Fortaleza/ Friedrichshafen – Anders als ein Lebenwesen oder auch ein Fahrrad, ein Auto, ein Elektrogerät hat ein Flugzeug niemals wirklich ein „Alter“. Flugzeuge werden – zumindest bei sicherheitsbewußten Fluggesellschaften – im Laufe ihres „Lebens“ so oft bis in die kleinsten Einzelteile zerlegt und mit Ersatzteilen versehen, dass zwischen erstem und letzten Flug zwangsweise nicht mehr dieselben Bestandteile durch die Luft fliegen und nicht selten alle Teile irgendwann einmal in diesem „Flugzeugleben“ ausgetauscht werden.

Das gilt auch für die 1977 von palästinensischen Terroristen entführte Lufthansa-Maschine, die seit 1970 für den deutschen Staatscarrier innerhalb Europas im Einsatz war. Getauft war sie auf den deutschen Städtenamen  „Landshut“ bereits im Jahre 1970. Ganze acht Jahre flog sie nach der Terroraktion noch weiter im Liniendienst bei der Lufthansa durch Deutschland und Europa.

Das „Leben“ der „Landshut“ blieb jedoch spannend. Schon als sie nach der Lufthansa-Ära mit ihrer neuen Registration N302XV und dem Namen „John Adams“ für eine US-Fluglinie namens Presidential Airways Passagiere innerhalb der USA transportierte, war sie nicht mehr die „Landshut“ und bestand vermutlich auch kaum noch aus den Originalteilen. Denn seitdem hat die Maschine zahlreiche Checks der verschiedensten Kategorien durchlaufen und dürfte mehrmals in ihre Einzelteile zerlegt worden sein. 1987 wurde der Name der Airline Programm und die ehemalige „Landshut“ wurde für den demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten Michael Dukakis als Kampagnen-Flieger auserwählt. Die Presse sprach von dem damals bereits 28 Jahre alten Jet als „Sky Pig“, zu deutsch „Himmelsschwein, weil die Maschine im Verhältnis zu moderneren Jets bereits als langsam galt. Verständlich wenn man die beiden schmalen Triebwerke mit den kräftigen Turbinen heutiger, moderner Boeings 737 vergleicht.

Dukakis wurde bekanntlich nicht zum US-Präsidenten gewählt und ein Jahr später musste die private Airline Presidential Airways die Pleite anmelden.

Die „John Adams“ wurde in den mittelamerikanischen Staat Honduras verkauft und flog ab 1988 für die Honduras-Airline Transportes Aéreos Nacionales SA, kurz „TAN“ genannt. Ab da namenlos verband sie mittelamerikanische Städte miteinander. TAN galt aufgrund ihrer vielen Flugzeugunglücke in der Welt des Luftverkehrs als eine „Never-Comeback-Airline“. Die Landshut aber war davon nicht betroffen.

Die Boeing 737 wurde schon kurz nach ihrer Einführung bei den Airlines als robustes Arbeitstier gesehen. Sie war und ist zuverlässig und solide. Seit ihrer Entwicklung in den 60er Jahren wurde sie ständig optimiert und wird auch heute noch bei Boeing in Seattle in großen Stückzahlen für Airlines auf der ganzen Welt gebaut. Bei Lufthansa wurden die letzen Boeing 737, genannt „Bobby“ erst 2016 wegen einer Änderung einer Flottenpolitik aus der Flotte genommen. Bei einigen Airlines wie Ryanair ist die 737 das einzige Flugzeugmuster, das überhaupt in der Flotte betrieben wird und auf dem nahezu der ganze Unternehmenserfolg basiert.

Auch die „Landshut“ „lebte“ nach ihren Jahren in Honduras weiter: Von der Passagiermaschine wurde sie zum reinen Frachtflugzeug umgerüstet. Von der Öffentlichkeit war sie längst vergessen worden. Und natürlich wurden weiterhin unzählige Betandteile, wenn nicht gar alle, im weiteren Verlauf ihrer Existenz dabei ausgetauscht. Von der kleinsten Niete über sämtliche Passagiersitze bis zum Flugzeugrumpf , Tragflächen und den Triebwerken.

Nach ihrer Honduras-Zeit flog sie bis 1990 für die französischen Cargo-Fluglinien „Inter Cargo“ und  „L‘ Aeropostale“ namenlos Güter durch die Welt. Ab 1995 verkauften die Franzosen sie nach Malaysien wo sie ebenfalls als reiner Frachtflieger durch Asien jettete und sogar unter der Flagge der indonesischen Staatsairline Garuda als Frachter im Einsatz war.

Ihre letzte Etappe war dann Südamerika. Ab August 2002 flog sie noch weitere sechs Jahre unter der neuen Registration PT-MTB für TAF-Airlines Waren durch Brasilien.

Als die „Landshut“ dann im Januar 2008 am Rande des Flughafens von Fortaleza in Brasilien außer Dienst und ab-gestellt wurde interessierte sich kein Mensch mehr für ihre langjährige und abwechslungsreiche Geschichte und ihre Flüge auf nahezu allen Kontinenten. Auch ist nicht mehr nachvollziehbar, ob das Ensemble von ausgewechselten Einzelteilen dieses Fliegers überhaupt noch irgendwelche Bestandteile enthielt, die bei der Taufe 1970 oder während des Schußwechsels zwischen Terroristen und GSG9 in Afrika dabei waren. Flugzeuge haben eben kein „Alter“.

Dennoch: Der Entwicklung dieses wohl weltberühmten Fliegers darf man letztlich doch so etwas wie eine „Historie“ zuschreiben. Diese Geschichte des Jets hat einen Bezug zu noch lebenden Menschen. Nicht nur zu denen, die in vielen Tausenden Starts und Landungen während der Siebziger und Achtziger Jahre sicher zu ihrem Reiseziel gebracht wurden. Sondern besonders zu denen, die Mitte Oktober 1977 von Palma nach Frankfurt fliegen wollten und sich nach einer Odysee von Zwischenlandungen in Rom, Larnaca, Bahrain, Dubai und Aden letztlich in der „Operation Feuerzauber“ von Mogadischu im afrikanischen Staat Somalia wiederfanden. Ob als Passagier, Flugpersonal, Politiker, Terroristin oder Sicherheitskräfte. Die Geschichte der „Landshut“ hat auch einen Bezug zu den Opfern und zu vielen Millionen Deutschen und anderen Menschen weltweit, die einen derart dramatischen Terror und die ebenso dramatische Befreiungsaktion bis damals noch nie erlebt haben.

In Fortaleza wurden zum Herbstbeginn 2017 die Bestandteile der Boeing 737-200, die irgendwann einmal als City Jet Landshut durch Europa flog, vermutlich zum letzten Mal auseinandergebaut. Erneut mit Unterstützung  des Auswärtigen Amtes konnte die Maschine von dem Flugzeugfriedhof in Fortaleza „gerettet“ werden. Beauftragt wurde damit die Lufthansa-Technik als Spezialist der Branche und Kenner der Boeing 737.

Zum Herbstbeginn 2017 traf das Flugzeug quasi analog zum „Deutschen Herbst“ der 70er Jahre „per Luftpost“ im Bauch einer Antonov An 124 sowie einer Ilyushin IL-76 in seiner künftigen Heimat in Friedrichshafen am Bodensee ein. Dort wird es im Dornier Museum seine Heimat finden und der Öffentlichkeit als Teil der Deutschen Geschichte zugänglich gemacht.

Ein fünfzehnköpfiges Expertenteam benötigte etwa einen Monat für die Zerlege-Arbeiten. Große Schritte waren dabei zunächst die Demontage der Triebwerke. Es folgten Höhen- und Seitenleitwerke. Nachdem das Flugzeug aufgebockt wurde, konnten auch die Fahrwerke entfernt werden. Der letzte aber auch aufwändigste Schritt der Demontage begann am 13. September mit der Trennung der linken Tragfläche vom Rumpf. Parallel liefen zu diesem Zeitpunkt bereits die Transportvorbereitungen. Immer wieder wurde das Projektteam von Medien begleitet und erhielt hochrangige Besuche des Diplomatischen und Konsularischen Corps.

„Wir alle sind stolz, Teil der historischen Aufgabe zu sein, dieses für die Deutsche Geschichte so wichtige Flugzeug zurück in die Heimat zu holen“, sagt Martin Brandes, Projekteiter „Landshut“.  „4.000 spannende, herausfordernde aber auch faszinierende Arbeitsstunden liegen hinter uns. Bei über 50 Grad Innenraumtemperatur stundenlang in der Tragfläche kopfüber Nietverbindungen zu lösen, ist nicht für jeden ein Traumjob. Aber wir haben alle die nötige Motivation dafür. Die Chance, so einen Job zu übernehmen, bekommt man nicht zweimal im Leben“, beschreibt Martin Brandes die Begeisterung des Teams. Ab wann das wieder restaurierte Flugzeug im Museum zu sehen ist, steht noch nicht fest.





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